Erziehung — wie geht das eigentlich?

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Frage: Ich kann meinem Pferd ja nicht sagen, wenn Du nicht lieb bist, bekommst Du keine Möhren. Wie erzieht man Pferde so, dass sie begreifen, was man möchte?

Petra Herrmann antwortet: Vorweg: Ich kann ein Pferd gar nicht „nicht erziehen“. Jede „Nicht-Erziehung“ erzieht das Pferd auch, nämlich zu einem „Rüpel“, „Durchgeher“, „Beißer“, „Schläger“ oder was auch immer. Wenn ich mit einem Pferd zusammen bin, kommuniziere ich mit ihm, d.h. ich erziehe es; ob mir dies bewusst ist oder nicht.
Drängelt mein Pferd vor mir aus der Box (während ich evtl. gerade den WhatsApp-Eingang checke), geht mein Pferd beim Aufsteigen schon einmal los (während ich mich vielleicht angeregt mit der Stallkollegin unterhalte) oder zieht mir mein Pferd beim Hufe auskratzen ständig den Huf weg (was ich aufgrund von Zeitstress einfach mal durchgehen lasse), habe ich in all diesen Situationen mein Pferd „erzogen“. Wäre es ein Wettspiel, läge das Pferd eindeutig nach Punkten klar in Führung. Und das Pferd liegt wahrsten Sinne des Wortes in Führung und übernimmt diese auch. Nicht, weil es „böse“ ist, sondern weil wir es ihm gestattet haben.
Eines der wichtigsten Säulen der Pferdeerziehung ist Konsequenz: Heute so, morgen so und übermorgen noch mal anders ist ein absolutes No-go (nicht nur in der Pferdeerziehung). Es braucht oft gar keine großen Erziehungsprogramme. Es braucht Konsequenz im alltäglichen Miteinander. Der Mensch bestimmt immer Richtung und Tempo, der Mensch passiert als erster einen Engpass, das Pferd steht beim Aufsteigen still, und Schubbern am Menschen ist tabu. Regel bestehen immer, ohne Ausnahme. Diese Konsequenz erfordert Aufmerksamkeit. WhatsApp lesen und Pferde führen ist tabu.
Selbstverständlich müssen Regeln erlernt werden. Ein junges Pferd muss beispielsweise erst lernen, still stehen zu bleiben, während der Reiter aufsitzt. Beim Erlernen von Regeln sollten wir uns um gutes Lernklima bemühen. Während der Rushhour in der Reithalle, während fünf Pferde galoppieren, fällt es einem jungen Pferd schwer, still zu stehen, also sollten wir das anfangs lieber nur dann üben, wenn ringsum Ruhe ist. In einem guten Lernklima, die Regeln in verständliche kleine Teilschritte zerlegt und mit viel Lob, macht es Pferden und Menschen Freude zu lernen. Und wenn es mal schwierig wird: Fragen wir jemanden, der sich damit auskennt. Keine Scheu, auch wir Menschen lernen immer dazu.
Peter Pfister antwortet: Die Sprache der Pferde ist eine nonverbale Sprache. Wer also meint, dem Pferd etwas mit Worten erklären zu können, kommt sehr bald an seine Grenzen. Pferde kommunizieren miteinander hauptsächlich über Körpersprache, wenn immer wir also naturorientiert mit dem Pferd umgehen wollen, sollten wir dem Rechnung tragen.

Daraus resultiert auch das Wissen, dass, wenn immer wir mit oder in Anwesenheit unseres Pferdes etwas tun, wir diesem Mitteilungen machen. „In Anwesenheit Deines Pferdes kannst Du nicht nicht kommunizieren“. Das heißt im Klartext: Jeder Umgang mit dem Pferd ist Ausbildung, egal ob ich im Auslauf in Anwesenheit meines Pferdes Mist einsammle, es einfach nur putze, es ganz banal von A nach B führe oder die hohen Weihen der Dressur übe, alles ist Ausbildung. Das Pferd sieht mich, es liest mein Verhalten, zieht daraus Schlüsse und wird sein Verhalten mir gegenüber danach bestimmen, was es bei mir gelesen hat. Deswegen ist es zu kurz zu denken, Pferdeausbildung würde erst auf dem Reitplatz anfangen.

Wollen wir unserem Pferd darüber hinaus eine umfassende Ausbildung zukommen lassen, müssen wir wissen, wie wir ihm die einzelnen Lektionen erklären können. Hierbei arbeiten wir mit gewissen Signalen. Das können sowohl Signale sein, die über direkte Berührungen ausgeführt werden, im Fachjargon spricht man von taktilen Reizen, also Signale, die über körperliche Berührung gegeben werden und körpersprachlichen Reizen als optische Signalen. Akustische Signale oder die Arbeit mittels Futterreiz spielen in der Kommunikation mit Pferden eine nicht so wichtige Rolle. In der Reiterei kommunizieren wir über Kontaktreize wie z.B. Schenkel-, Zügel-, Gewichts- oder Gertenhilfen. In der Freiheitsdressur ist es die Körpersprache, die hauptsächlich zur Anwendung kommt.

Um das Ganze allerdings in wenigen Worten zu erklären, ist es viel zu komplex, denn hierzu kommt noch das Wissen um Sensibilisierungs- und De-Sensibilisierungsvorgänge, um positive und negative Lernverstärkungen und nicht zuletzt das Bewusstsein, dass die Basis für eine erfolgreiche Kommunikation mit Pferden eine positive Leitungskompetenz des Menschen sein muss. Denn nur wen man achtet, dem hört man auch zu.